Borusse Özmen: Profi-Traum jäh gestoppt
Kürsat Özmen (vorne links), hier beim Trainingsauftakt am 28. Juni gegen den ebenfalls Neu-Borussen Elias Ernst, ist ein beidfüßiger Mittelstürmer. Der Student hat seinen Traum vom Profifußball noch nicht begraben. | Foto: Thomas Strack
Und wer weiß, wie seine Karriere verlaufen wäre, hätte er als Kind ein sehr verlockendes Angebot wahrgenommen ...
Kürsat Özmen begann als Dreijähriger bei Emsdetten 05 mit Fußball, schnupperte später bei Borussia Dortmund und Twente Enschede rein, kam dann erstmals zu Borussia Emsdetten. Durch seine starken Auftritte in Kreis- und Westfalenauswahl wurde kein Geringerer als Galatasaray Istanbul auf ihn aufmerksam. Der türkische Vorzeigeverein wollte das Top-Talent in seine Kaderschmiede an den Bosporus holen. „Meine Eltern wollten es aber nicht, ich war zu jung, ungefähr 12“, erinnert er sich – und blieb in seinem Heimatort Emsdetten. „Natürlich ist man im Nachhinein enttäuscht. Das hätte andere Türen öffnen können. Aber ist halt so.“
Er weiß, dass das Schicksal noch weitaus grausamer zuschlagen kann.
Corona kommt dazwischen
Seine erste Station bei den Senioren war wieder Emsdetten 05. Dort ballerte er sich in der Saison 2017/18 mit 24 Toren durch die Bezirksliga. Daraufhin klopfte Preußen Münster an, ab 2018 war Özmen für die 2. Mannschaft in der Westfalen- bzw. Oberliga am Ball. Und schien erneut zu Höherem berufen. 2020 durfte er die Vorbereitung bei der gerade aus der 3. Liga in die Regionalliga abgestiegenen 1. Mannschaft mitmachen, sollte dort Fuß fassen, sein Vertrag wurde entsprechend angepasst. Doch Corona verhinderte einen Pflichtspiel-Einsatz für Preußen I. Monatelang kam der Liga-Betrieb zum Erliegen. Eine verlorene Saison, eine verlorene Chance.
Doch wieder ergab sich etwas Spannendes. „Mich rief ein Manager an, der mich schon länger beobachtet hatte.“ 2021 unterschrieb Özmen einen Vertrag beim Erstligisten Yeni Malatyaspor im Südosten der Türkei, sollte sich aber erst in der 3. Liga beweisen. Also spielte er in derselben Stadt zunächst für die Kooperationsvereine Yesilyurtspor (2021/22) und Arguvan (2022/23). Dennoch hatte er sein Ziel erreicht: Fußball-Profi!
Wie es dann weiterging, das erzählt Kürsat Özmen im Interview.
Wie ist das Niveau der 3. türkischen Liga mit dem in Deutschland vergleichbar?
Kürsat Özmen: Es ist ungefähr eine Mischung aus der deutschen 3. Liga und der Regionalliga West.
Konntest du dich dort behaupten?
Was Profi-Bedingungen betrifft, hatte ich schon bei Preußen Münster viel gesehen. Aber bei den Drittligisten in der Türkei war es noch mal strenger. Das waren zwei U23-Mannschaften, jeder wollte sich beweisen, es war ein harter Konkurrenzkampf. Ich habe trotzdem meine Tore gemacht. Es lief gerade sehr gut, ich war angekommen. Und Fußball ist ein Tagesgeschäft, da kann es sehr schnell gehen, dass man nach oben gespült wird. Dann kam das Erdbeben.
Wie erinnerst du dich an die Nacht zum 6. Februar 2023?
Das Beben hat viele Menschenleben gekostet. Mehr als die Hälfte der Stadt Malatya war zerstört. Ich bin froh, dass ich überlebt habe.
Du hast gegenüber unserem Medienhaus mal berichtet, dass du mitten in der Nacht aus deiner Wohnung in der vierten Etage eines Hochhauses flüchten musstest.
Das Gebäude hat hin und her geschaukelt. Später ist es teilweise eingestürzt. Ich stand in Shorts, T-Shirt und Schlappen draußen bei minus sieben Grad im Schnee, überall herrschte Chaos.
Der Torwart deiner damaligen Mannschaft zählte zu den Todesopfern.
Ja, er hat es nicht geschafft. Zwei, drei weitere Mitspieler wurden verletzt. Eine harte Zeit. Malatya ist die Heimatstadt meiner Eltern. Dass das alles dort passiert ist, ist schwer zu realisieren. Zum Glück haben unsere Verwandten überlebt, doch auch sie haben viel verloren.
Danach wolltest du nur noch weg aus dem Katastrophengebiet, zurück nach Emsdetten, und hast es nach einigen Tagen über komplizierte Wege hierher geschafft. Seither hast du für Westfalenligist Mesum und zuletzt Landesligist Beckum gespielt. Machen wir also einen harten Cut und reden wieder über Fußball: Wie stehen die Chancen, dass es jetzt bei Borussia ein längerfristiges Engagement wird?
Das wird sich mit der Zeit zeigen. Ich hatte auch Angebote aus der Oberliga. Aber ich wollte die Fahrerei nicht mehr. Auch meiner Familie zuliebe spiele ich jetzt erst mal wieder in Emsdetten.
Wie waren die ersten eineinhalb Wochen bei Borussia?
Ich bin von allen sehr gut empfangen worden, vor allem vom Trainer (Marc Wiethölter) und Co-Trainer (Tim Plottek).
Was sitzt drin mit diesem Kader?
Es ist eine sehr junge, engagierte Truppe. Alle arbeiten hart. Ich würde sagen: Es ist eine Wundertüte. Man muss sehen, wohin die Entwicklung führt. An den Trainern wird es aber sicher nicht scheitern, von ihnen bin ich absolut überzeugt. Marc ist sehr sympathisch, einen Trainer wie ihn hatte ich noch nie. Er wollte mich unbedingt haben, der Sportliche Leiter Hans-Dieter Jürgens auch.
Kannst du deinen Profi-Traum vielleicht noch mal aufleben lassen?
Realistisch gesehen ist es schwer. Aber man weiß nie.

