Dürfen wir eine etwas freche Frage stellen? „Sie dürfen alles fragen“, entgegnet Michael Rummenigge. Na dann: Nervt es eigentlich, ständig „der kleine Bruder von“ zu sein? Der 60-Jährige lächelt, antwortet: „Früher war es schlimmer als heute. Ich bin 1981 mit 17 Jahren zu Bayern München gekommen. Da war mein Bruder dort schon ein Weltstar, war gerade zu Europas Fußballer des Jahres gewählt worden. Du wirst automatisch immer verglichen. Diese Erwartungshaltung kannst du gar nicht erfüllen.“
Dabei hat der jüngere Bruder von Bayern-Legende Karl-Heinz Rummenigge (68) selbst eine beeindruckende Karriere hingelegt. Mittlerweile betreibt er eine Fußballschule, die seit Freitagnachmittag bis Sonntag zum vierten Mal bei Borussia Emsdetten gastiert. „Das erste Mal waren wir 2014 hier“, begrüßt Michael Rummenigge die 100 Kinder. „Ein super Omen, damals wurde Deutschland Weltmeister. Jetzt hoffen wir alle, dass Deutschland in diesem Jahr Europameister wird, oder?“ Ein vielstimmiges „JAAAA“ schallt durchs Walter-Steinkühler-Stadion.
Wissen die Nachwuchskicker überhaupt, wer Michael Rummenigge ist? „Natürlich nicht“, sagt er. „Meinen Bruder kennen die meisten auch nicht. Aber er wird ja öfter mal bei Bayern-Spielen im Fernsehen auf der Tribüne gezeigt.“ Wenn Kinder ihn fragen, wie gut die beiden denn waren, dann erkläre er ihnen: „Ich war Gündogan, mein Bruder war Ronaldo“, erzählt Michael Rummenigge lachend.
Auch bei der kurzen Vorstellungsrunde geben der Chef und die anderen sechs Trainer – darunter Ex-Nationalspielerin Tanja Rastetter (52) – den Jungen und Mädchen einen Überblick, mit wem sie es zu tun haben. Bei der Vita von Michael Rummenigge machen die Kleinen große Ohren: 452 Profi-Spiele, 120 Tore, dreimal Deutscher Meister mit Bayern München (1985-1987), DFB-Pokalsieger mit Bayern (1984, 1986) und Borussia Dortmund (1989), zwei Länderspiele.
Drei Tage lang arbeiten die Profi-Trainer mit den Jungen und Mädchen, bei allen Übungen steht der Ball im Mittelpunkt. | Foto: Marius Holthaus
Wichtig für den Ex-Profi: Er ist bei all seinen Camps persönlich vor Ort. „Wo Rummenigge draufsteht, muss auch Rummenigge drin sein.“ Auch wenn die Kinder ihn nicht kennen, würden zumindest die Eltern – die am Freitag zahlreich zuschauen – seine Anwesenheit erwarten. Und: „Wir sind zum Anfassen“, betont er und lebt das mit seiner lockeren, unbeschwerten Art vor. Zu guter Letzt: „Wir wollen die Kids ein bisschen besser machen, auch wenn das in der kurzen Zeit natürlich nicht ganz einfach ist.“ An den drei Tagen stehen mehrere Trainingseinheiten auf dem Programm. Zum Abschluss am Sonntag kündigt Rummenigge ein Turnier an: „Wir werden unsere eigene Europameisterschaft spielen, mit Fahnenträgern, Einlaufmusik und Wimpelübergabe.“
Beim Blick über das Borussen-Gelände merkt er an: „Ich fühle mich hier heimisch, komme ja ebenso aus einem kleinen Verein, Borussia Lippstadt.“ Sein Vater sei dort quasi Mädchen für alles gewesen, unter anderem Schiedsrichter. „Er hat auch mein erstes Spiel gepfiffen. Da war ich sechs, wir haben 1:14 verloren. Es gab Strafstoß für uns, ich bin angetreten. Der war noch gar nicht freigegeben, der gegnerische Torwart stand noch gar nicht richtig auf seinem Platz, da habe ich den Ball schon irgendwie reingeeiert. Damals habe ich Blut geleckt.“
„Tut mir leid für meinen Bruder“
Es war der Startschuss einer erstaunlichen Karriere. Michael Rummenigge durchlief bei seinem Heimatverein alle Jugendteams, wechselte dann als Nachwuchshoffnung zum großen FC Bayern, wo Karl-Heinz längst ein Megastar war. „Als ich im Mai 1983 bei der 0:1-Niederlage gegen Schalke zum ersten Mal neben meinem Bruder im Sturm stand, das war das Größte für mich. Für ihn tut es mir nur leid, dass er 1982 und 1986 zwar im Finale stand, aber nie Weltmeister wurde.“

